02.06.2022
Ratgeber
Rund um das Thema „Gerüst aufbauen" gibt es zahlreiche Fragen. Wie funktioniert der Aufbau und welche Vorschriften müssen beachtet werden?
Ein Interview mit René Leuthold Meister in Gerüstbau und Inhaber der Firma Langner Gerüstbau über fachgerechten Gerüstaufbau
Sofern du alle anfallenden Arbeiten auf und am Gerüst selbst erledigst, darfst du ein Gerüst selbst aufbauen. Beachte jedoch, dass in diesem Falle keine anderen beauftragten Firmen auf deinem Gerüst arbeiten dürfen. Du haftest selbst für eigene und für Fremdschäden. Es ist wichtig, dass du alle Sicherheitsvorschriften um den Gerüstaufbau beachtest. Schließe am besten eine Unfall-Versicherung bei der BG Bau (Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft) ab.
Abgesehen davon sollte ein Gerüst nur unter Aufsicht einer befähigten Person und von fachlich geeigneten Beschäftigten auf-, ab- oder umgebaut werden. Falls du noch nie ein Gerüst aufgebaut hast, hole dir Hilfe von fachkundigen Personen aus deinem Umfeld. Wenn du unter Höhenangst leidest oder keine Vorkenntnisse besitzt, schalte unbedingt einen professionellen Gerüst-Aufbauer ein. Rechtlich gesehen musst du diesen immer dann beauftragen, wenn Fremdfirmen Arbeiten am Gebäude und somit auf deinem Gerüst verrichten.
Achte beim Gerüstaufbau zunächst auf befestigten Untergrund. Nur so kannst du die Standsicherheit deines Gerüsts gewährleisten. Kläre vorab, welche Lastklasse benötigt wird. Danach richten sich die zu verwendenden Bauteile. Die Maximalhöhe geht aus der Aufbau- und Verwendungsanleitung hervor.
Witterung und mehrmalige Verwendung hinterlassen ihre Spuren. Stelle unbedingt schon vor Aufbau des Gerüsts sicher, dass es in einwandfreiem Zustand ist. Achte auf die richtige Verankerung. Laut DIN 4420 müssen alle freistehenden Gerüste fest verankert sein – und zwar am Gebäude selbst. Lese die Aufbau- und Verwendungsanleitung genau durch. Hier gibt es eine exakte Festlegung zur Platzierung der Gerüstverankerung.
Sobald das Gerüst steht, dürfen keine Gegenstände auf dem Gerüstbelag mehr herumliegen oder stehen. Du musst problemlos über das gesamte Gerüst laufen können. Ansonsten erhöht sich hier die Gefahr des Stolperns, Ausrutschens oder gar schlimmerer Unfälle.
Was dich selbst angeht, ist es von großem Vorteil, handwerkliches Geschick mitzubringen. Für den Aufbau ist nicht nur Kraft, sondern auch Fingerfertigkeit gefordert. Unterschätze nicht die Gefahr herunterfallender Teile. Trage unbedingt einen Schutzhelm. Außerdem empfehlenswert ist rutschfestes Schuhwerk.
Wie lange du für deinen Gerüstaufbau benötigst, hängt von deiner Expertise, Mannstärke des Aufbau-Teams und der Größe deines Hauses ab. Hast du viele Helfer und dein Projekt ist ein einfaches Einfamilienhaus mit 2 Stockwerken, wirst du bereits nach einem Tag fertig sein.
Falls die Planung und Beschaffung der Gerüst-Bestandteile aus Liefergründen länger dauern, kann sich auch dein Gerüst-Aufbau verzögern. Sind große Objekte mit einem Gerüst zu versehen und fallen Mitarbeitende aus, so kann es auch hier zu Engpässen kommen.
Grundsätzlich stelle dein Gerüst aber innerhalb weniger Tage auf.
Achte auf die Vollständigkeit deiner Bauteile. Nur so baust du dein Gerüst richtig und gemäß dem Sicherheits-Standard der BG Bau auf. Prüfe vor dem Aufbau des Gerüsts alle Bauteile auf einwandfreien Zustand. Beachte unbedingt die Aufbau- und Verwendungsanleitung deines Gerüsts. Diese variieren je nach Gerüstbau-Hersteller. Dein Gerüst muss außerdem vom Hersteller zugelassen sein.
Auch deine eigene Sicherheit muss gewährleistet sein. Baue das Gerüst nur dann auf und betrete es, wenn du dich gesund und schwindelfrei fühlst.
Weicher Boden ist keine Grundlage für den Aufbau eines Gerüsts. Baue dein Gerüst nur auf befestigtem Untergrund auf. Meist ist dieser Umstand rund um ein Haus gegeben. Der Untergrund kann aus Kies, Beton oder Pflaster bestehen. Es ist unabdingbar, dass dein Gerüst ausreichend festen Halt hat.
Für eine gleichmäßige Lastenverteilung lege Gewindefußplatten mit Holzbohlen am Boden aus. Nur so gewährleistest du die Tragfähigkeitssicherung. Gelände-Neigungen gleichst du mit langen Fußplatten oder sogenannten Ausgleichsrahmen aus.
Achte auf Vollständigkeit deiner Bauteile. Nur so vermeidest du zeitlichen Zusatzaufwand während des Gerüst-Aufbaus.
Ja. Folgende Schritte solltest du sorgfältig beim Gerüstaufbau beachten:
Diese Fragen sind nicht pauschal zu beantworten. Die Anzahl der Mitarbeiter, die dir beim Gerüstaufbau helfen, richtet sich nach der Größe des Projektvorhabens. Je größer dein Haus ist, desto länger dauert der Gerüstaufbau. Auch Ecken, Balkone Erker und Verwinkelungen fordern ein höheres Zeitvolumen. Je mehr Mitarbeiter du hast, desto zügiger geht der Gerüstaufbau von statten. Achte jedoch darauf, dass pro Gerüstlage mindestens ein Helfer arbeitet, der die benötigten Bauteile an die Mitarbeiter in den oberen Lagen weitergibt.
Das Anbringen von Diagonalbefestigungen variiert von Hersteller zu Hersteller. Es gibt Diagonalen, an denen die Befestigung bereits als drehbare Kupplung an der Diagonale selbst fest angebracht ist. Bei anderen Herstellern werden sogenannte „untere" Diagonalbefestigungen auf die Gewindefußplatten gesteckt.
Das Gerüst wird fortlaufend zug- und druckfest an tragfähigen Bauteilen der Fassade verankert. Schon beim Aufbau des ersten Gerüstfeldes musst du das Gerüst gegen mögliches Umkippen sichern. Ordne die Verankerungen in der Nähe der Gerüstknoten an. Wenn Der Untergrund für eine Verankerung nicht gegeben ist, musst du weitere Maßnahmen zur Gewährleistung der Standsicherheit festlegen. Diese findest du in der jeweiligen Montage-Anweisung deines Herstellers.
Ja. Lastklassen sind die gleichmäßig verteilten Verkehrslasten auf einem Gerüstfeld. Es gibt insgesamt 6 Lastklassen.
Arbeitsgerüste Lastklasse 1: Diese Gerüste dürfen nur für Inspektionstätigkeiten eingesetzt werden.
Arbeitsgerüste der Lastklasse 2: Bei Arbeiten auf diesen Gerüsten dürfen keine Baustoffe und Bauteile gelagert werden.
Arbeitsgerüste der Lastklasse 3: Personen und Materialien auf dem Gerüst dürfen bei Arbeiten in dieser Lastklasse die gleichmäßig verteilte Verkehrslast von 2,0kN/m² nicht überschreiten. Folgende Arbeiten sind in dieser Lastklasse zulässig:
Arbeitsgerüste der Lastklasse 3, 4 und 5: Diese Arbeitsgerüste dürfen nur für Arbeiten eingesetzt werden, bei denen Baustoffe oder Bauteile auf dem Gerüstbelag abgesetzt oder gelagert werden. Möglich sind hier Arbeitsgerüste der Breitenklasse SW09 mit mindestens 0,90 m Breite. Eine Durchgangsbreite von 0,20 m bei Material-Lagerung auf der Belagsfläche ist zwingend einzuhalten.
Folgende Arbeiten sind in dieser Lastklasse möglich:
Ja, Gerüste müssen offiziell abgenommen werden, beispielsweise durch die befähigte Person. Jeder Unternehmer trägt Verantwortung für den ordnungsgemäßen Zustand seines Gerüsts und damit für die Sicherheit seiner Mitarbeiter. Deshalb muss jeder Unternehmer sein Gerüst vor Erstbenutzung auf alle sicheren Funktionen hin überprüfen. Diese Prüfung basiert auf Grundlage der Gefährdungsbeurteilung des Gerüstbenutzers und des Benutzungsplans.
Grundsätzlich protokolliere deine Prüfungsergebnisse und bewahre das Schriftstück über die gesamte Gerüst-Standzeit sorgfältig auf.
Wenn der geplante Gerüstaufbau nicht der Regelausführung der Zulassung entspricht, greift die Betriebssicherheits-Verordnung (BetrSichV). Sie besagt, dass Gerüste auch nach einer „Allgemein anerkannten Regelausführung" aufgebaut werden dürfen. Für diese Gerüstkonfiguration muss ein Standsicherheits-Nachweis für jeden Einzelfall erbracht und eine allgemeine Aufbau- und Verwendungsanleitung (AuV) verwendet werden, alternativ eine Montage-Anweisung und Benutzer-Anleitung. Sie kommt vom Gerüsthersteller und basiert auf der Grundlage des Geräte- und Produktions-Sicherheits-Gesetzes.
Wenn du das Gerüst nicht nach der „allgemein anerkannten Regelführung" aufbaust, hast du die Möglichkeit, die Brauchbarkeit durch eine Festigkeits- und Standfestigkeits-Berechnung nachzuweisen. Dafür verwendet man Bemessungstabellen. Das kann nur von der befähigten Person erledigt werden.
Die Höhe von Gerüsten richtet sich nach der Material-Variante. Gerüste mit Vertikalrahmen aus Aluminium dürfen eine Aufbauhöhe von maximal 24m haben. Grundsätzlich sind die Gerüste bis zu einer Höhe von 24m durch die Zulassung abgedeckt. Bei größeren Höhen ist ein Nachweis für den konkreten Einzelfall zu führen.
Bei Gerüsten mit Vertikalrahmen aus Stahl geht es in weit größere Höhen: Hier darfst du – unter Beachtung der Statik – bis zu 100m Höhe aufbauen.
Der maximale Abstand des Gerüsts zur Fassade darf – ohne innenliegenden Seitenschutz – 0,30m nicht überschreiten. Genauer gesagt ist das der Abstand zwischen Gerüstbelag-Kante und Fassadenwand. In der Praxis sieht das oft anders aus und dieser Maximal-Abstand kann nicht immer eingehalten werden. In diesen Fällen musst du einen inneren, mindestens zweiteiligen Seitenschutz (Geländer und Zwischenholm) oder eine Innen-Konsole einbauen. Nur so beugst du der Absturz-Gefahr vor.
Wenn du ein Gerüst mietest, übernimmt der Gerüstbauer den Transport sowie den Auf- und Abbau. Auch um den Lagerplatz brauchst du dir in dem Fall keine Gedanken zu machen. Bei Mietkosten zwischen 6-12€ für 4 Wochen können längere Standzeiten allerdings recht teuer werden.
Wenn du ein Gerüst kaufst, bist du mit deiner Arbeitszeit sehr flexibel. Es fallen zwar einmalige Anschaffungskosten zu Beginn an. Dafür hast du aber auch einen hohen Wieder-Verkaufswert.
Ja. Beim Aufbau eines Gerüsts musst du die Gerüstkonfiguration nach DIN 4420-3:2006-01 beachten, falls:
Die DIN 4420 beinhaltet im 1. Teil allgemeine Regelungen bezüglich sicherheitstechnischer Anordnungen und Prüfungen. In einem 2. Teil sind die Anforderungen an Leitergerüste geregelt und im 3. Teil die Anforderungen der Sicherheitstechnik für Regelausführungen von Gerüstbauarbeiten ohne Leiter und Systemgerüste. Im 4. Teil werden Werkstoffe, Gerüstbauteile, Abmessungen, Lastabnahmen und sicherheitstechnische Anforderungen geregelt, die sich auf Arbeits- und Schutzgerüste aus vorab produzierten Bauteilen beziehen.


Herr Leuthold, wir bedanken uns herzlich für das Fach-Interview zum Thema „Gerüstaufbau".
Wer ein Gerüst aufbauen möchte, muss sich vorab sorgfältig über die gesetzlichen Vorschriften informieren und alle Regelungen einhalten. Erfahrung, Mannstärke und tiefergehendes Wissen über den Gerüstaufbau sind unabdingbar bei der ordnungsgemäßen Errichtung von Gerüsten.
Du möchtest dein Gerüst vorab kalkulieren? Melde dich gern.